Tag 35: 500 Meilen

Meile 478.2 – 513

Als wir gewohnt früh aufstanden dämmerte es gerade. Wir liefen ein paar Meilen und machten dann Frühstückspause an einer unbefestigten Straße, die wir kreuzten. Während wir aßen kamen Jucy und Data vorbei, die am Vortag mit uns in der Höhle waren und zwei AT Veteranen sind. Der Appalachian Trail, kurz AT, ist das Ostküstenpendant zum PCT. Jucy wäre fast falsch abgebogen, aber ich habe ihn gerettet.
Ein paar Meilen weiter trafen wir die zwei beim Wasserholen wieder. Man musste ca. 300 m bergauf, abseits des Trails laufen um zum Wasser zu gelangen. Dort hatte ein Trailangel etwas deponiert, um uns durch dieses trockene Stück zu helfen.
Gegen zehn Uhr kamen wir an der 500 Meilen Markierung vorbei. Wir waren ziemlich beeindruckt, es hat sich nicht angefühlt, als hätten wir bereits 800 km geschafft.

Anschließend haben wir uns ein schattiges Plätzchen unter ein paar Bäumen für die Mittagszeit gesucht. Es waren leider einige Fliegen zugegen, weshalb wir mit Bandana überm Gesicht dösen mussten, was dazu führte, dass jeder vorbeikommende Wanderer uns ansprach um zu gucken wer wir sind. Wir haben etwas gearbeitet, geschlafen, mit unseren Eltern telefoniert und ich habe eine große Blase an meiner Ferse versorgt. Als wir gegen vier weiter gelaufen sind war es schon fast wieder kühl.

Es ging relativ eben am Berghang entlang. Nach ein paar Meilen bot sich uns immer wieder ein sagenhafter Ausblick auf die Mojave-Wüste. Kurz vor dem entgültigen Abstieg trafen wir Martin, der den Ausblick genoss und sich mit uns eine viertel Stunde unterhielt. Der nun folgende Abstieg zog sich. Wir liefen sogar über Privatbesitz des lokalen Jagdvereins, was auf dem PCT ziemlich selten ist. Unten angekommen füllten wir unsere Wasservorräte auf und kochten. Beim Essen genossen wir den Sonnenuntergang. Dann gab es noch eine große Portion warmen Kakao, da wir immernoch Hunger hatten.

Wir liefen noch gute zwei Stunden weiter. Unterwegs sahen wir zwei Skorpione, dann schlugen wir unser Zelt in einem ausgetrockneten Bachbett auf und schliefen selig ein.


Da das hier oft zu kurz kommt möchte ich nochmal auf die beeindruckende Tier- und Pflanzenwelt eingehen. Es gibt immernoch unzählige Eidechsen in vielen Farben, Größen und Mustern. Sie machen auch immernoch Liegestützen. Es gibt viele Fliegen, die einen manchmal beißen, sehr nervig. Vielleicht denken sie wir wären Blätter und man könnte irgendwas aus uns heraus saugen. Dann gibt es wunderschöne, bunte Schmetterlinge. Es gibt kleine, graue Grillen, die beim wegspringen/-fliegen ihre knallorangenen Flügel nutzen. Ab und zu sieht man mal eine Schlange. Manchmal sieht man ein Kaninchen oder einen Hasen weghoppeln. Squirrels in allen Formen und Größen.  Die Skorpione sind unsere heutiges Highlight. Außerdem gibt es merkwürdig aussehende Heuschrecken (?) mit Wespenmuster. Kolibris schlagen mich immer in ihren Bann mit ihrem tiefen Brummen und der scheinbaren Gebrechlichkeit.
Die Pflanzen haben eigentlich alle Stacheln. Manche Büsche riechen sehr erfrischend. Es gibt viele Blumen in allen Farben und Formen. Ab und zu laufen wir durch lichte Nadelwälder. Ich fühle mich sehr geehrt, dass ich diese Reise machen kann.

Zufällige Artikel

  • Um den Königssee Tag 3

    Als Marcos Uhr klingelte saß ich voller Tatendrang im Bett. Ich hatte richtig Bock auf Frühstück. Also aus dem Schlafsack gequält, kurz auf Toilette, da war schon jemand am Zähne putzen und runter in den Gastraum geschlurft. Aber was war das?- Alles war zu, die Küche leer, keiner unterwegs. Der Blick auf die Uhr: es…

  • Blick aufs Meer

    Cape Wrath Trail, Tag 12Glencoul Bothy -> Loch Stack Ich habe schon länger nicht so gut geschlafen wie heute. Mit irischen Folksliedern in den Schlaf gewogen zu werden war sehr beruhigend. Es hat mir auch dabei geholfen ein paar Gedanken zu verdrängen, die mich erst gehindert hatten weg zu dösen. Frisch erholt machen wir uns…

  • Tag 56: Forester Pass

    Meile 777.0 – 787.0 Heute war ein besonderer Tag. Wir bezwangen den höchsten Punkt auf dem PCT. Der Forester Pass ist gefürchtet, weil man kurz vor dem Pass durch ein etwa zehn Meter langes ziemlich steiles Schneefeld gehen muss. Viele Leute haben uns gewarnt und meinten es wäre total gefährlich. Wir standen also um halb…

  • Tag 24: Burger

    Meile 333.8 – McDonald’s – 347.2 Durch unsere geänderte Frühstücksstrategie hatten wir unsere Wraps schon gestern Abend zubereitet. Daher konnten wir, als um halb sechs der Wecker läutete, sofort unsere Sachen packen, das Zelt abbauen und aufsatteln. Wir waren um Punkt sechs Uhr am Laufen und aßen unser Frühstück im Gehen. Es ging mit Blick…

  • Tag 59: 18 Stunden

    Meile 813.7 – 838.6 Heute hatten wir viel vor. Deshalb waren wir um ein Uhr Nachts auf den Beinen und liefen über ein großes Schneefeld auf Mather Pass zu. Wir verloren mehrmals den Weg und waren froh, als wir alle Flüsse auf Schneebrücken unbeschadet überquert hatten. Da der letzte Teil des Aufstiegs auch komplett unter…

9 Kommentare

  1. Und wir fuehlen uns beglueckt, dass Ihr Eure Erlebnisse und Eindruecke mit uns teilt! Heute haben wir zwei Fragen fuer Euch:
    1. Was sind Eure trail names?
    2. Habt Ihr eigentlich manchmal Angst und wenn ja, vor was?

    1. Trail Names sind Spitznamen, die sich die Wanderer untereinander geben. Hier laufen so viele Johns und Jacks rum, da wuerde man sonst den Ueberblick verlieren…
      Angst haben wir eigentlich keine, hoechstens Respekt, aber das ist auch gut so!
      LG
      Tim und Paul aka „Backtrack“ und „Nutella“

  2. Hallo Tim, hallo Paul,
    Das Hitze-Thema können wir gerade sehr gut nachvollziehen!
    Es gibt Beschwerden von Luise: Menno, warum ist mein Patenonkel so weit weg? 😉
    Wie lange lauft Ihr denn noch durch die Wüste?

  3. Hey Ihr Zwei😁 Glückwunsch zum 500 Meilen Etappenziel, Respekt👍
    Wir 4 warten immer auf einen neuen Bericht weil Diese echt toll geschrieben sind und immer eine Überraschung parat haben.
    Wir wünschen Euch weiterhin viel Spaß und Erfolg auf dem Trail. Bleibt gesund und munter🤗 viele Grüße von den 4 Schendos

  4. Ich möchte mich gerne den Vorredner*innen anschließen. Es ist alles sehr beeindruckend, was Ihr erlebt. ..könnt ihr ggf. mal ein Foto von dieser ominösen Heuschrecke machen (und von einem niedlichen Squirrel ;-))?
    LG Anna M.

    1. Hey Anna,
      wir haben heute leider kein Foto für dich. Wir haben aber herausgefunden, dass es Jerusalem Cricket heißt. Sicherlich ein gutes Beispiel für Mimikry 😉
      Vielen Grüße von 3250 m Höhe

  5. Na ihr beiden Besonderen. Mitzulesen und so auch etwas nachzuspüren, was für eine Bandbreite an Wirklichkeiten täglich parallel gelebt werden, gefällt mir. Und dass ihr den PCT gemeinsam geht, berührt mich. Carpe Diem – at its best! Würde gern auch mal wieder aus dem Hamsterrad hüpfen. Am 18. 7. geht’s nach Seattle. Ein guter Wechsel. LG und freie Wege dem Horizont entgegen. 🌞😃

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.