Blick aufs Meer

Cape Wrath Trail, Tag 12
Glencoul Bothy -> Loch Stack

Ich habe schon länger nicht so gut geschlafen wie heute. Mit irischen Folksliedern in den Schlaf gewogen zu werden war sehr beruhigend. Es hat mir auch dabei geholfen ein paar Gedanken zu verdrängen, die mich erst gehindert hatten weg zu dösen.

Frisch erholt machen wir uns Frühstück im Erdgeschoss und versuchen die andern beiden nicht zu stören, da sie noch schlafen. Als wir gegen 9 Uhr aufbrechen sind sie immer noch in den Kojen und wir verlassen das Bothy ohne uns noch einmal von Martin und Cathy verabschiedet zu haben.

Ein schmaler Pfad führt uns entlang des Sees und die Natur raubt mir mal wieder den Atem. Blauer Himmel, ein breites Tal mit einem See (der eigentlich ein Meeresarm ist) und in der Ferne Schneebedeckte Gipfel. Es ist mir fast schon ein bisschen zu kitschig. Wenn jetzt noch ein paar „happy trees“ umherstehen würden, denke ich, bin ich in einem Bob Ross Gemälde. Ich kann unser Glück kaum fassen, Schottland in unserem Urlaub so oft von so einer schönen Seite zu sehen.

Wir biegen in ein kleines Seitental ein, verlassen den See und die Steigung nimmt zu. Mal wieder kommen wir an einem kleinen Wasserkraftwerk vorbei. Unscheinbar stehen die garagengroßen Hütten in den Tälern und produzieren grünen Strom für Schottland. Funfact: 2020 kamen bereits 97,4% des schottischen Stroms aus erneuerbaren Energien, obwohl Schottland die größten fossilen Ressourcen Europas unter sich trägt.

An einer Fischerhütte machen wir eine kurze Pause für ein zweites Frühstück. Die Hütte liegt mit Blick auf einen idyllischen Bergsee. Der See schreibt sich Loch an Leathaid Bhuain und wir haben mal wieder keinerlei Ahnung, wie man dies korrekt ausspricht. Mittlerweile sind ein paar mehr Wolken aufgezogen und der Wind hat aufgefrischt. Mit zwei Riegeln im Magen geht es nach einer halben Stunde faulem Lenz weiter.
Bald kommen wir wieder hoch genug, um über die uns nahen Talrücken hinweg sehen zu können. Uns öffnet sich dabei ein erstaunlich weitläufiges Panorama. Wir sehen die Bergkette der letzten Tage und können bis fast ans Meer schauen. Für einen Blick aufs Meer laufen wir jedoch leider auf der falschen Seite des Bergrückens.

Zweites Frühstück

Als wir an eine Weggabelung kommen befragen wir unseren Trail Guide und sind zwiegespalten. Wir könnten den einfacheren und etwas kürzeren Weg durchs Tal nehmen. Dort würden wir jedoch noch knappe 10 km entlang einer Landstraße laufen müssen. Selbst wenn sie nicht stark befahren ist, haben wir beide eigentlich keine Lust auf Asphaltwege. Meine Füße sind ziemlich durch und Asphalt ist ziemlich hart zum drauf Laufen. Die Alternative beinhaltet jedoch 4 km querfeldein ohne jeglichen Weg ein Tal bergab. Das ist gefühlt noch anstrengender für die Füße.

Aktuell können wir noch nicht in Richtung des Meeres schauen. Um diesen durch den Führer angepriesenen Ausblick nicht zu verpassen, beschließen wir, erst einmal dem Weg zu folgen, der uns eventuell ins Unwegsame führt. Der weglose Abschnitt fängt jedoch erst nach dem Aussichtspunkt/Gipfel an. Wenn uns das Tal dann zu blöde kommt, planen wir wieder zurück zur Kreuzung zu laufen und die Route entlang der Landstraße zu nehmen.

Gesagt, getan. Der Weg führt nun über einen zerklüfteten Bergrücken und ich komme mir ein wenig wie in Mittelerde vor. Es dauert erstaunlich lange, bis die Highlands uns den Blick aufs Meer und das gesamte Panorama freigeben. Der weite Gipfel besteht aus dicken, flachen Granitplatten und der Wind fegt so stark, dass man nicht mehr gerade stehen kann. Alleine durchs hochspringen wird man schon um einiges nach hinten getragen.
Die Sicht über die weitläufige Landschaft ist grandios und kaum in Worte zu fassen. Es ist das erste Mal auf unserer Schottlandreise, dass wir die echte Küste und Meer sehen. Bisher waren wir zwar immer mal wieder nahe dran und an Meerarmen unterwegs, jedoch hatten wir nie den Horizont voller Meer. Die schnell ziehenden Wolken sind so weit oben, dass auch die Berge in der anderen Richtung gut erkennbar sind. Ich wundere mich immer noch, wie sehr ich mich bei den Heighlands verschätzt habe. Sie können viel steiler, schroffer und felsiger sein, als ich gedacht hatte. Das Bild der grünen ewigen Hügellandschaft ist so langsam überschrieben. Bestätigt hat sich aber das Bild der endlos weiten Unberührtheit der Natur. Die Landschaft wird nur sehr selten von kleinen Fahrstraßen durchzogen und noch seltener gibt es echte Siedlungen.

Nun würde der weglose Teil der Etappe beginnen. Von hier oben können wir bereits den Weg im Tal erahnen, den wir ansteuern sollen. Es sieht gar nicht mal so weit entfernt aus und der Absteig dorthin scheint auch in Ordnung. Solange wir auf dem Bergrücken oder am Hang bleiben können, laufen wir keine Gefahr, in übermäßig sumpfige Wiesen zu gelangen. Und das scheint möglich. Wir entscheiden uns, diese Route zu nehmen und nicht umzukehren.

Der Bergrücken stellt sich teils als ziemlich steil heraus, was aber Dank der Buckeligen Wiesenhänge kein Problem darstellt. Teils fungieren die Buckel somit schon fast wie Stufen. Wir kommen gut voran und erreichen letztlich den Quadweg.
Ihm folgend steigen wir das Tal weiter hinab, entlang an Seen, bei nun wieder sonnigem Wetter. Umso weiter wir ins Tal kommen, umso breiter und steiler wird der Weg. Ich hole meine Stöcke heraus, da es ansonsten zu steil ist.

Im Tal treffen wir auf die Landstraße, der wir zehn Kilometer gefolgt wären, wenn wir die Alternative durchs Tal gewählt hätten. Zum Glück haben wir dies nicht getan. Denn neben Wohnmobilen fahren auf dieser ziemlich engen Straße auch immer wieder LKWs entlang. nach ein paar hundert Metern können wir die Straße wieder verlassen und sind am Westlichen Zipfel des Sees Loch Stack angekommen.

Dies wird unser Nachlager für heute. Neben einer kleinen Steinhütte wollen wir unsere Zelte aufbauen. Der Wind pfeifft in abartiger Geschwindigkeit und Konstanz, so dass wir die Zelte noch einmal hinter die Hütte versetzen. Auch wenn dort der Boden nicht ganz so eben und weich ist wie neben der Hütte. Aber der Windschatten zahlt sich aus. Im Zelt ist es nun viel ruhiger und wir haben keine Angs mehr, dass das Zelt zusammenklappt.

Der Wind ist so stark, dass sich über den sechs Kilometer langen See ganz beachtliche Wellen mit weißen Kronen formen und am Ufer branden. Wir sind platt vom Tag und legen uns bald nach dem Abendessen in die Zelte. Mit Ohrstöpseln ist es auch ganz gut möglich bei dem Wind einzuschlafen.

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2 Kommentare

  1. Vielen Dank für den interessanten und lebendigen Beitrag! Ich lerne jedesmal etwas neues über Schottland – 97% des Stroms aus erneuerbaren Quellen! Dass es windig ist, wusste ich schon, und dass ihr euch von nichts abschrecken lasst, auch. 🙂 Tolle Bilder! Waren außer euch eigentlich noch andere Wanderer unterwegs?

    1. Mich hat es auch sehr überrascht, wie grün dort der Strom ist. Die haben ein sehr verteiltes Stromnetz mit vielen kleinen Produzenten und viel Wasserkraft.

      Wir haben an dem Tag keine andere Person gesehen außer den Autofahrern am Nachmittag. Das war schon eher die Regel. An den Wochenenden hat man mal jemanden im Bothy getroffen, aber ansonsten waren wir wirklich noch vor der Saison. Im Rückblick betrachtet ist es schon sehr besonders, dass wir an einigen Tagen keine Menschenseele gesehen haben. (Natürlich nur auf dem Cape Wrath Trail und nicht auf dem West Highland Way)

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