Tag 70: Höhen und Tiefen
Meile 1010.8 – 1016.9
Der Preis für die dämlichste Aktion geht heute definitiv an Paul. Aber der Reihe nach.
Da wir heute Sonora Pass erreichen stehen wir um fünf Uhr auf und gehen los. Der Weg läuft auf Geröll und Schneefeldern. Wir können einen wunderschönen Sonnenaufgang über den Bergen beobachten.
Paul läuft vorne, ich ein paar Meter dahinter. Als wir über ein Schneefeld gehen schaue ich wo ich hintrete. Plötzlich steht Paul vor mir. Er hat schon seine Isomatte rausgeholt und ich kann gerade noch fragen, ob das sein Ernst sei, als er auch schon los rutscht. Hier gibt es sogenannte Glissades, also Rutschen, im Schnee die man benutzen kann um mit möglichst viel Spaß und sehr effizient unten anzukommen. Das macht super viel Spaß, ist aber nur zu empfehlen, wenn der Schnee am Nachmittag weich ist, wie Paul schnell herausfand. Der Schnee war nämlich überfroren und so konnte Paul nicht bremsen wurde immer schneller, bis er bei einer kleinen S-Kurve ein paar Meter durch die Luft flog, etwas im Stehen weiter rutschte, wieder auf den Hintern fiel und schließlich anhielt. Als er unten ankam meinte er es ginge ihm gut. Tatsächlich hatte er sich wie durch ein Wunder nicht Arm oder Hals gebrochen, sondern nur ein bisschen den rechten Zeigefinger aufgeschürft und sich wohl einen blauen Fleck am Oberschenkel zugezogen. Nach der kleinen Achterbahnfahrt war Paul ziemlich schlecht, was sich aber nach fünf Minuten legte. Deshalb machten wir erstmal Frühstück unterhalb des Schneefelds und genossen den Ausblick.
Die restlichen vier Meilen vergingen wie im Flug. Als wir gegen halb zehn am Wanderparkplatz Sonora Pass ankamen nutzte Paul die Toilette, während ich mit Newton quatschte. Er war um zwei Uhr Nachts aufgestanden, um den Sonnenaufgang zu fotografieren, hatte ihn dann jedoch um zehn Minuten verpasst. Er fuhr uns in seinem schicken Mercedes ca. zehn Meilen den Pass hinab, weil er da sowieso hin wollte. Dabei durften wir auf seinen weißen Ledersitzen sitzen, nachdem wir uns ein kleines weißes Handtuch untergelegt hatten.
Er ließ uns bei einer Marine Corps Kaserne raus, wo Bergjäger stationiert sind. Es gab viele Militärfahrzeuge und ca. 30 Marines luden sich gerade Rucksäcke auf, die bestimmt soviel wogen wie sie selbst – sie hatten bestimmt einen guten Tag 😉
Dann haben wir angefangen die Straße entlang zu laufen. Es wurde sehr warm auf dem Asphalt und viele Autos fuhren vorbei. Es ist schon interessant, wie alle Autofahrer etwas interessantes im Himmel, auf der anderen Straßenseite oder zu ihren Füßen entdecken wenn man den Daumen raushält. Niemand hatte den Mut uns mitzunehmen. Hier hat man wohl Angst vor Mördern und Vergewaltigern, solche unrealistischen Ängste können sehr unpraktisch sein. So können sie z.B. dazu führen, dass man fünf Meilen an einer heißen Straße ohne Bürgersteig entlang wandern muss.
Den letzten Kilometer bis zu einer großen Kreuzung mit Baustelle nahm uns dann ein Amerikaner um die dreißig in einem total herunter gekommenen Wagen mit. Paul fuhr auf meinem Schoß und musste den Kopf einziehen, aber wir waren dankbar für die Klimaanlage.
Kaum eine Minute später nahm uns ein interessanter Typ mit, der ein paar Tüten in den Kofferraum stellen musste um uns unterzubringen. Er war vorher schon an uns vorbei gefahren und nahm uns nun bis nach Bridgeport mit. Es waren ca. 15 Minuten Fahrt bis Bridgeport und wir haben uns gut über seine Anglerabenteuer unterhalten.
In Bridgeport angekommen hatte die Postfiliale gerade Mittagspause und so besuchten wir den kleinen Supermarkt. Wir kauften ein Sandwich und waren etwas enttäuscht wie klein die zwei Sandwiches waren, aber vielleicht sind wir als PCT Wanderer auch der falsche Maßstab. Die Sandwiches waren lecker, der Laden allerdings sehr schlecht ausgestattet. Wir hatten die wichtigsten Dinge in unser Verpflegungspaket gepackt, alltägliche Dinge wie Tortillas wollten wir aber vor Ort besorgen. Wir lernten, dass es in Bridgeport eine einzige Packung Tortillas in der Shell Tankstelle gab. Sie enthielt nur zehn Tortillas, was für uns definitiv zu wenig ist und kostete 8 $, was unverschämt ist.
Um unsere Lage zu beurteilen und etwas zu arbeiten gingen wir in die Bücherei. Wir konnten uns zwischen Egoshooter spielenden zwölfjährigen einen PC nehmen, das schnelle Internet nutzen und alle Geräte laden. Die Bücherei war super ausgestattet, mit Büchern, Filmen und Musik.
Dann holten wir unser Paket von der Post, verteilten das Essen und versuchten eine Stunde nach Walker (das nächste Städtchen am Highway) zu trampen. Schlussendlich nahm uns Greg in seinem Wohnmobil mit, der seinem Sohn in South Lake Tahoe half dessen Haus zu renovieren. Auf der halben Stunde Fahrt hatten wir ein super Gespräch und er war echt ein interessanter Kerl.
In Walker genossen wir den kleinen Supermarkt. Er hatte von allem etwas im Sortiment, wir quatschten mit den Besitzern und es war nur ein bisschen zu teuer, was normal ist. Dann gingen wir zu Walker Burger und aßen einen sehr guten Burger und Pommes. Wir fragten, wo wir denn in Walker schlafen könnten, ohne ein Motel zu bezahlen und der Chef, Avery, bot uns direkt an im Garten zu übernachten. Er meinte wir könnten einen Schlüssel für die Toiletten haben und wenn der Sheriff uns wecken würde sollten wir sagen Avery habe uns erlaubt hier zu übernachten. Es gibt einfach so nette Menschen hier 🙂
Da wir eine kostenlose Übernachtung geschenkt bekommen hatten gönnten wir uns noch ein Eis und ließen ein Trinkgeld da. Paul hatte ein Erdbeer Sundae und ich einen Himbeer Milchshake. Beides war vorzüglich und sehr zu empfehlen!
Dann freundeten wir uns mit Charlotte und Jan (bei den Namen sind wir uns nicht mehr ganz sicher, sorry) an. Sie machen einen dreiwöchigen Roadtrip durch die USA und waren super nett. Wir konnten unser Glück kaum fassen, als sie anboten uns trotz eines Umwegs für sie zurück zum Pass zu fahren. Auf dem Weg haben wir uns sehr gut unterhalten und auf der Marine Corps Basis stand ein Black Hawk Hubschrauber. Danke nochmal fürs Mitnehmen!
Dort angekommen suchten wir uns einen guten Schlafplatz, schrieben noch ein bisschen, verteilten das Essen, genossen das Licht der Dämmerung auf den schneebedeckten Bergen und schliefen wohlgesättigt und zufrieden ein. Der Tag war sehr anstrengend und ereignisreich gewesen und wir waren sehr froh hier zu sein. Der Mond ging gelb und voll auf und wir mussten wie letzte Nacht mit runtergezogenen Mützen schlafen, weil es so hell war.
PS: Leider habe ich meine Kappe verloren bzw. bei Charlotte und Jan im Auto vergessen… Vielleicht bekomme ich ja Ersatz in South Lake Tahoe.





