Quer durch die Highlands
(Not the) West Highland Way, Tag 3
Loch Lomond
Die Nacht ist unruhig, ich wache des Öfteren auf. Nicht weil es windig oder mir kalt ist, sondern aus Stress. Ich denke das sind noch Nachwirkungen der Klausurenphase. Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal entspannt 8 Stunden geschlafen habe, meist wurden es doch nur maximal 7 im letzten Monat und oft war es dabei kein erholsamer Schlaf. Jetzt haben wir schon um 20Uhr müde im Bett gelegen und der Wecker war auf sechs gestellt. Also endlich Mal 10 Stunden Schlaf.
Das erste Mal fahre ich gegen halb 2 aus dem Schlaf und denke ich muss schnell noch eine Abgabe für die Uni fertig stellen. – Natürlich Mumpitz. Ich habe schon lange nicht mehr so intensiv geträumt wie in dieser und den kommenden Nächten.
Der Schlaf war trotzdem erholsam und als wir uns um 6 Uhr aus den Schlafsäcken schälten begrüßte uns eine riesige Sonne am Horizont zum neuen Tage. Dick eingepackt haben wir uns etwas abseits der Zelte ins Gras gesetzt und auf den Loch Lomond hinab geschaut, wie dieser langsam durch die Sonne wach gekitzelt wird. Nebelschwaden verdeckten noch seine Oberfläche und die Berge am anderen Ufer waren im Morgennebel nur schemenhaft zu erkennen. Ich genoss es, dass wir uns die Zeit fürs Frühstück nahmen und nicht gehetzt aufbrachen. Die frische Luft, die Natur, die Stille. So langsam komme ich im Urlaub an.
Frisch gestärkt geht es anschließend entlang einer alten Mauer in Richtung Conic Hill. Dieser thront über dem Loch Lomond an seiner südlichen Spitze. Auf halber Höhe holen wir das Zähneputzen nach. Es wird nicht das letzte Mal sein, dass wir dies vergessen. Der West High-(land) Way macht seinem Namen im Sinne eines Highways alle Ehre. Der (Wander-)Weg ist so breit, ausgetreten und entspannt, dass er auch als Rollstuhlrampe geeignet wäre, wären nicht ab und an Stufen eingebaut.
Wir besteigen den Conic Hill von der Rückseite durch ein Nebental. Nach und nach öffnet sich uns dabei die Bergkette, die sich entlang des Loch Lomond zieht. Wir erhalten einen fabelhaften Ausblick über eine Hochebene, die teils sehr sumpfig aussieht und auf der ab und an eine Gruppe Schafe grast. Conic Hill hält was er verspricht. Wir sind auf dem Gipfel fast alleine und ich genieße den Ausblick über Loch Lomond. Es ist faszinierend, wie sich die Hügelkette, auf der wir uns befinden, auch im See noch fortführt. Sie verläuft quer durch den See, manche Inseln sind mit Steeg und Haus, anderen scheinbar unbewohnt. Die Häuser sehen idyllisch aus und ich ertappe mich dabei, mir vorzustellen, dort zu leben. Das tiefe Dröhnen eines nahenden Helikopters reist mich aus den Gedanken. Ein Rettungshelikopter der Marine steuert langsam aber sicher auf unsere Bergkuppe zu. Kurz in Panik schaue ich nach dass wir nicht zufällig den SOS-Knopf unseres Satelliten-Senders aktiviert haben – dies ist zum Glück nicht der Fall. Der Helikopter fliegt über uns hinweg, dreht eine Runde und landet kurz auf einer nahen Kuppe, um ohne irgendwas getan zu haben wieder abzuheben. Ein Crewmitglied winkt uns beim wegfliegen noch aus der geöffneten Seitentüre und schon ist der Heli hinter dem nächsten Berg verschwunden.
Zuvor hatten wir unseren nächsten Abschnitt geplant. Wir könnten entweder dem West Highland Way folgend hinunter ans Ufer absteigen und den Tag lang Fahrstraße laufen oder wir versuchen, oben auf den Bergkuppen zu bleiben und parallel zum See zu laufen. Letzteres klingt sehr verlockend. Der Knackpunkt: Über die Bergkuppen sind keine Wanderwege eingezeichnet. Auch müssten wir dafür erst einmal die Sumpfige Hochebene durchqueren. Auch hier sind keinerlei Wege auf den Karten, die wir haben, eingezeichnet. Auf Satellitenbildern kann ich einige Trampelpfade und vereinzelte Quadspuren ausmachen, also scheint die Ebene nicht ganz so sumpfig wie erwartet zu sein. Wir denken uns „Gib ihm, das Wetter wird nicht mehr besser und im Notfall können wir auch noch umdrehen und ins Tal absteigen“ und verlassen den ausgetretenen Pfad des West Highland Ways.
Der Boden ist durchtränkt mit Wasser und überwuchert von Bodengestrüpp oder getrockneten Grasballen. Dadurch ist jeder Tritt ein Tritt ins Ungewisse. Erwartet mich harter Boden oder sinke ich 10cm in schlammigen Wasser ein? Es fühlt sich so an, als seien wir richtige Abenteurer und durchqueren die Wildnis Schottlands. Spaß machts, aber anstrengend ist es allemal! Unsere wasserdichten SealSkin Socken beweisen wieder ihre Fähigkeiten und bald bemerken wir, dass die Schafe sich kleine Trampelpfade gemacht haben, die einen festen Tritt versprechen. So kommen wir gut voran, stoßen Irgendwann auf die Spur eines Quads, die in die richtige Richtung geht und folgen dieser bis auf die andere Seite des Tals. Auch auf die Hügelkette, wir die wir erklimmen wollen, führt eine feuchte Fahrspur.
Auf dem nächsten Gipfel machen wir Mittagspause mit Powernap. Die Querung war doch anstrengender als erwartet. Die Aussicht ist toll, am Horizont sind in Dunst gehüllte Berge zu erahnen und im Vordergrund liegt Loch Lomond. Das alles bei strahlendem Sonnenschein, kurzer Hose und einem Nutellabrötchen – ich kann mein Glück kaum glauben. Schottland hatte ich mir so ganz anders vorgestellt. In einem Wort: Regen. Selbst dem guten Wetterbericht hatte ich nicht so wirklich getraut.
Frisch gestärkt und erholt folgen wir einem ehemaligen Schafszaun durch das unwegige Gelände auf den nächsten Berg. Von dort aus wollen wir heute noch zum Ende dieses Bergrückens laufen, um morgen früh wieder auf den West Highland Way zu stoßen und Ben Lomond zu besteigen.
Diese letzten zwei bis drei Stunden des Tages machen uns fertig. Wir schaffen es nicht, einen guten Tierpfad zu finden, an dem wir uns orientieren können und der ein wenig Trittsicheit bietet. Der Boden ist weiterhin in Wasser getränkt und an dem Schrägen Hang kippen die Füße konstant zur Seite weg. Das ist nach dem eh schon langen Tag sehr anstrengend und zehrt an der Moral. Trotzdem werden wir dabei mehrmals von der Natur überrascht. Zuerst springen vor uns 12 große Rehe über die „Wiese“. Sie sind hier viel massiver und brauner als deutsches Rotwild. Kurz darauf springt keine 10 Meter vor mir ein Fuchs auf, läuft mit seinem buschigen Schwanz davon und verschwindet im Wald. Später schrecken wir Mal wieder Moorhühner auf. Diese sind heute schon öfters vor uns aufgestoben, als wir uns ihnen näherten. Diesmal ist das Flattern so laut, dass ich mich erschrecke und kurz denke, Tim sei hinter mir den Hang hinunter gepurzelt. Zum Glück steht dieser noch auf seinen Beinen und schaut mich verwundert an, als ich mich erschreckt zu ihm drehe. Seine Musik war wohl noch lauter als die Rebhühner.
Irgendwann kommen wir dann ermüdet an unserem angepeilten Campingbereich an. Nach kurzer Suche finden wir tatsächlich einen trockenen, flachen und moosigen Fleck für unsere Zelte. Bei traumhaftem, wenn auch etwas kaltem Sonnenuntergang gibt es wässriges Mac’n’Cheese, das bei weitem nicht an amerikanisches Instant Mac’n’Cheese heranreicht, aber trotzdem einigermaßen sättigte. 😢 Tot Müde bin ich anschließend in den Schlafsack gekrochen und habe mir meinen wohl verdienten Schlaf abgeholt.



















Wau,
Du solltest überlegen, ob du nicht deinen Job in die Reisebranche wechselst. Dein bzw. Eure Erzählungen sind so spannend. Ich freue mich immer, eure Berichte zu lesen. Hier im Quellenweg ist es heute trist und kalt und auch mein Homeoffice ist langweilig. Viel Spaß noch
LG eure Nachbarin Claudia 🙂
Vielen Dank für die poetische und sehr anschauliche Beschreibung! Es ist wie mitwandern ohne die nassen Schuhe 🙂 Bei uns ganz in der Nähe gibt es auch ein Ben Lomond, da hatten sicher schottische Auswanderer Sehnsucht.
Hallo Ihr Lieben!
Hoffentlich bleibt Ihr einigermaßen von den Stürmen verschont, die angesagt sind und habt einen gut geschützten Platz!
Danke für Eure tollen Bilder und Beschreibungen! Bewundernswert, was ihr alles erlebt und welche Wege Ihr „findet“ Liebe Grüße aus dem trockenen Wohnzimmer
Moni aus Hameln