„What’s Poppin“

(Not the) West Highland Way, Tag 4
Loch Lomond

Den Wecker brauche ich mittlerweile gar nicht mehr. Ich wache meistens um 5 oder halb sechs das erste Mal auf weil ich ausgeschlafen bin und kann mich dann nochmal umdrehen und ein bisschen extra Schlaf genießen, bis wir uns gegen sechs Uhr ans Frühstück machen.

Wir frühstücken in meinem Zelt, um dem Wind auf der Bergkuppe zu entgehen. Mein Innenzelt kann man abbauen, so dass das Außenzelt noch steht. Dadurch wird der Innenraum noch einmal deutlich höher und wir können zu zweit einigermaßen aufrecht sitzen. Es ist bewölkt und etwas windig, aber immerhin regnete es nicht. Ab und zu stechen Sonnenstrahlen durch die Wolkendecke und tauchten kleine Teile des weiten, unbesiedelten Tals mit einem dramatischen Lichtkegel in Sonne. Wir schätzen den letzten Teil unseres querfeldein-Abenteuers auf etwa eine Stunde. Hoffen, dass wir wieder Trampelpfade von Schafen finden und laufen los in Richtung Ben Lomond.

Auf ganz guten Trampelpfade kommen wir bis etwa zur Hälfte. Danach kämpfen wir uns quer durch das teils knietiefe Boden-Buschwerk. Erinnerungen an den Vortrag steigen in mir auf, diesmal bin ich aber zum Glück noch ausgeruht und frisch gestärkt. Meine Laune halte ich dabei mit etwas Musik oben, während wir über eine kleine Bergkuppe kommen und Loch Lomond wieder zu unseren Füßen liegt. Es ist immer noch etwas diesig, die Wolken werden aber so langsam lichter. Nach oben schauend bemerke wir, dass der Gipfel von Ben Lomond immer weiter in einer großen Wolke verschwindet.

Als wir kurz darauf auf den Wanderweg stoßen, der zum Gipfel führt, beschließen wir, diesen rechts liegen zu lassen und nach einer verdienten Essenspause mit Blick über Loch Lomond ins Tal abzusteigen. Auf Wandern in einer nassen windigen Wolke haben wir beide nicht wirklich Lust. Es hatte uns dann doch 1,5 Stunden gebraucht, um zurück auf den Weg zu kommen, anstatt der geschätzten Stunde.

Während des Abstiegs kommen uns einige Tageswanderer entgegen, denen wir teils versuchen zu erklären von wo wir heute gekommen sind und dass wir noch nicht auf dem Gipfel waren. Manche verstehen es, andere haben glaube ich nicht ganz geschnallt, dass wir querfeldein gekommen sind. Wir wünschen Ihnen viel Glück dabei, dass sich die Wolke noch lichtet bis sie oben sind und steigen weiter ab. Ein E-Mountainbiker kommt uns entgegen, nur um kurz darauf wieder umzukehren – seinem sarkastischen Kommentar nach zu urteilen war der Motor wohl nicht stark genug, ihn den Berg hoch zu schieben.

Nach einer Mittagspause am See, in der ich mir 3 Zecken aus den Beinen ziehe, sind wir nun wieder auf dem offiziellen Weg des West Highlands Ways. Er führt uns die nächsten 16 km fast die ganze Zeit sehr nahe am Ufer des bezaubernd schönen Loch Lomond entlang. Dieser schlängelt sich auf einer Länge von 39 km durch die Berge Schottlands und bildet mit 71km² den größten See Schottlands und der gesamten Insel Großbritannien.

Der Wanderweg ist schön schmal und ab und an durch kurze Kletterpasssagen am felsigen Ufer unterbrochen. Es geht gut zu laufen, mir sitzt jedoch der gestrige Tag noch in den Knochen. Mit Podcasts im Ohr geht der Tag schneller zu Ende als ich es mir gewünscht hätte. Der Ausblick auf den See unter den Bergen bei bestem Frühlingswetter raubt mir immer wieder den Atem. Ich kann nicht glauben, dass wir gerade in Schottland sind.

Unser Nachtlager schlagen wir an der Nordspitze des Sees in Ufernähe unter Bäumen auf. Während wir in die Dämmerung und später Dunkelheit auf den langgestreckten See und auf das sich im See spiegelnde Dörfchen Ardlui schauen, sinnieren wir über vieles und ich bin dankbar, mit Tim jetzt hier sitzen zu können.

Im Laufe des Abends habe ich dann noch Zecken Nummer vier bis zehn von meinen Beinen gefischt oder gezogen. Tim hat bisher eine einzige Zecke gefunden. Und die hatte sich auf die Außenseite seiner Wanderhose verirrt.

Als wir beide in unseren Zelten liegen, sagt Tim zu mir: „Oh, hier haben sich zwei Luftkammern meiner Matratze vereint.“ – Da macht es laut **POPP** und ein zerknirschtes „Jetzt sind es drei“ kommt hinterher. Die oberen zwei Lamellen, die in der Luftmatratze die waagerechten Luftkammern bilden sind scheinbar gerissen und bilden nun eine größere Luftkammer.

Wir verschieben das Problem auf den nächsten Tag und hoffen, dass er bis morgen noch warm schläft.

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3 Kommentare

  1. Guten Morgen ihr zwei,
    dann bin ich gespannt wie die Nacht von Tim war und hoffe das Beste.
    Wie schön, dass ihr das erlebet, ich finde das noch schöner (und natürlicher) (in euren Beschreibungen und Fotos) als den PCT.
    Ganz liebe Grüße und oh je… muss eine neue Luftmatratze her? Ich wusste gar nicht, dass um diese Jahreszeit und überhaupt in Schottland so vIele Zecken unterwegs sind. Bist halt ein Süßer, Paul!
    Ich freue mich auf weitere Stories aus dem wilden Norden.

    1. Jup, ich habe in Fort William eine neue Isomatte kaufen müssen. Leider hatten die nur größe Large, die ist also viiel zu groß für mich, aber passt gerade noch so in mein Zelt -.-

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