Starkregen

Cape Wrath Trail, Tag 4
Barrisdale -> Kinloch Hourn -> Stalkers Hut

Mit trockenen Sachen starten wir in den Tag. Es ist angenehm, unter einem festen Dach zu schlafen und morgens kein feuchtes Zelt einpacken zu müssen. Auch das Frühstücken ohne kühlen Wind ist ein Plus in einem Bothy. Heute gibt es wieder Oatmeal zum Frühstück.
Gestärkt treten wir in gutes Wetter hinaus. Es sind ein paar Wölkchen am Himmel, die Hirsche grasen wieder in der Nähe von Barrisdale, unserem Bothy.

Die ersten zehn Kilometer laufen wir entlang des Meerarmes Loch Hourn landeinwärts. Der Weg windet sich an der Bergflanke entlang und beschreibt dabei ein stetiges auf und ab. Wir kommen immer wieder ans Ufer und sind kurz darauf 100 Meter über dem See.
Ich wundere mich, dass ein Meeresarm Loch Hourn genannt wird, da ich Loch eher mit Seen in Verbindung bringe. Am Ufer sind ab und an kleine Hütten und Häuser. Angebunden sind sie nur über den Wander- oder Wasserweg. Es muss idyllisch und erdend sein, in diesen Hütten entschleunigt seinen Urlaub zu verbringen.

Plötzlich finde ich mich in einem grünen Tunnel wieder. Die Vegetation kommt so unerwartet, dass ich noch einmal zurück gehe um sicher zu gehen, dass ich auf dem korrekten Pfad bin. Gründende Büsche, Sträucher und Bäume drängen sich so dicht an den Weg, dass ich für manche Strecken gebückt gehen muss. Der Weg bleibt leider nicht lange so. Ein wenig von den Grün behält er jedoch noch länger bei.

Er verläuft nun direkt an der Wasserkante und uns kommen zwei Wanderer entgegen. Wie sich herausstellt, sind sie auch Brüder und machen heute eine Tageswanderung. Morgen wollen sie mit dem Kayak Loch Hourn entlang bis zu dem Bothy paddeln, in dem wir heute geschlafen hatten.

Zum Mittagstisch kommen wir in Kinlochhourn an. Dieser „Ort“ besteht aus zwei Häusern. In einem der Bauten befindet sich ein B&B mit einem kleinen Tearoom, wenn sie nicht gerade renovieren, wie es im Moment der Fall zu sein scheint. Kinlochhourn liegt an der Spitze des Meerarmes und wir können nun endlich wieder gen Norden wandern, um Cape Wrath näher zu kommen.

In einem kleinen Tannenwäldchen kochen wir uns Mittagessen. Wir haben noch eine halbe Packung Couscous übrig und füllen diesen in unsere Wraps. Mit einer Fajita-Würzmischung, die wir bereits seit Drymen (Tag 2 des WHW) mit schleppen, ist dies ein Gaumenschmaus und eine angenehme Abwechslung. Ansonsten essen wir unsere Wraps mit Käse und Wurst oder mit Nutella. Der Cheddar Käse in Schottland kann sich wirklich sehen lassen und lässt deutschen Cheddar im Starkregen stehen.

Auch uns lässt Schottland heute im Starkregen stehen. Wir hatten unter den Tannen gegessen, da es angefangen hatte zu nieseln. Der Regen wird beim Weitergehen stärker und stärker. Es geht steil bergauf und ich bemerke, dass dies der erste nennenswerte Regen ist, seit wir in Schottland angekommen sind. Heute ist Tag 14 unserer Wanderung und mit dieser sehr ermunternden Erkenntnis laufe ich trotz Regen mit einem Lächeln auf den Lippen weiter bergauf.

Und das ziemlich lange.

Zu lange.

Irgendwann wundere ich mich, dass unser Weg immer noch nicht zur Seite abgeknickt ist, um entlang der Bergflanke leicht abzufallen. Unser Führer sprach von nur 200 Höhenmetern Aufstieg. Die haben wir aber meinem Gefühl nach schon lange hinter uns gebracht. Der Regen war mittlerweile zu Schnee übergegangen und als wir auf unserem Handy das GPS bemühen sehen wir, dass wir uns bereits auf 600 Metern Höhe befinden. Loch Hourn liegt auf Null Metern. Also machen wir uns etwas niedergeschlagen an den Abstieg, um den richtigen Abzweig zu finden. Es ist doch erstaunlich wie schnell man mit guten Hörbüchern im Ohr die Zeit vergisst.

Als sich der Schnee wieder zurück zu Regen wandelt und wir aus den Wolken kommen, wird uns jedoch ein sehr entschädigender Blick über Loch Hourn geboten. So hatte ich mir Schottland vorgestellt. Regen, Wolken, Wasser und irgendwo zwei kleine Hansels, die sich das freiwillig antun. Zurück auf dem richtigen Weg kommt auch in mir so langsam die Erschöpfung auf. Heute ist kein Bothy in Reichweite und über die Wolken werden wir auch nicht mehr kommen.

Der Regen wird immer noch stärker und der Weg steigt langsam aber sicher weiter an. Wir haben echt keinen Bock unsere Zelte in diesem Regen oder vielleicht sogar Schnee aufzubauen und völlig durchnässt die Nacht zu bestreiten. Da sehen wir einen kleinen Holzverschlag. In etwa so groß wie ein Hochsitz. Ich setze ein Stoßgebet ab und tatsächlich ist die Hütte nicht verschlossen. Der Verschlag ist so breit wie wir lang und gerade tief genug, damit unsere beiden Isomatten nebeneinander Platz finden.

Die Entscheidung steht fest: Hier bleiben wir, besser wird’s nicht mehr. Das Dach ist soweit dicht. Zwischen den Holzplanken der Rückwand sind kleine Spalte. Leider kommt von dort auch der Wind und so pustet ein kleiner Nieselschauer durch die Lücken des Holzes. Wir hängen mein Zelt an die Rückwand und zwei tropfende Stellen des Daches stopfen wir mit Socken.

So Im Trockenen sitzend bauen wir langsam unser Nachtlager auf. Die beiden Isomatten passen gerade so nebeneinander.
Zum Abendessen gibt es Nudeln und Ramen und ich mache mir im Anschluss noch einen Kakao. Wir fallen erschöpft ins Bett und hoffen, dass der Tag morgen trockener wird und unser Dach für die Nacht dicht hält.

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2 Kommentare

  1. Paul, deine literarischen Künste werden immer besser! Wenn ich am Morgen sehe, dass ihr einen neuen Post veröffentlicht habt, freue ich mich schon auf meine Frühstückslektüre, natürlich im warmen, trockenen Haus.
    Eure Bilder sind mal wieder prächtig! Ich habe auch gleich beim ersten gedacht: „So hatte ich mir Schottland immer vorgestellt.“
    Nun bin ich doch neugierig, welches Hörbuch dich so im Bann hält, dass du bei Regen und Schnee 400 Höhenmeter überschießt? Habt ihr Tipps für Hörbücher?
    Vielen Dank für eure tollen Posts!

    1. Das war zu der Zeit glaube ich ein Hörbuch aus der Reihe „Die Zwerge“ von Markus Heitz. Das war ganz passend, da dort gerade ein Zwerg durch verschneite und stürmige Berge gewandert ist. Da war es einfacher das gleiche zu ertragen 😛
      Diesen Urlaub haben mir das Buch von Kurt Krömer über seine Depressionen und „Deep Work“ von Cal Newport über konzentriertes Arbeiten neue Denkansätze geboten.

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