Tag 20: Wiedervereinigung
Meile 256.2/Big Bear Lake – 275.0
Da wir uns am Vorabend getrennt hatten, hatte ich das Zelt für mich alleine. Sehr angenehm, ich habe einfach quer darin geschlafen und konnte mein Zeug überall ausbreiten. Ich bin um halb sechs aufgestanden, wie jeden Morgen. Zum Frühstück habe ich die Erdnussbutter und den Inhalt des Nutella-Plastikbechers (Ja, in den USA wird Nutella in Plastikbechern verkauft – sehr thruhhikerfreundlich) mit den restlichen Tortillas verschwinden lassen. Dann bin ich die zehn Meilen zum Highway gelaufen, wo ich mich mit Paul treffen wollte. Unterwegs habe ich mir Zeit gelassen, weil ich wusste, dass Paul noch Vorräte kaufen musste und ich nicht vor zwölf mit ihm rechnete. Die Aussicht war unglaublich. Man konnte auf der rechten Seite die Wüste sehen, wohingegen die linke Seite durch Seen und saftig grüne Wälder und Wiesen bestach. Auf dem Weg jagte mir eine Schlange einen gewaltigen Schrecken ein, die sich quer über den Weg ausgebreitet hatte und in der Sonne badete. Ich kam außerdem an einer Ranch mit Windrad, Mühle und riesiger Villa vorbei. Als ich gegen elf am Highway war, musste ich nicht lange am Picknicktisch auf Paul warten. Hören wir mal, wie sein Vormittag verlief.
Ich hatte mir den Wecker auf kurz vor sechs gestellt, packte meine Sachen und verließ mein Zimmer. Big Bear Lake ist sehr langgezogen, wie auch die anderen Ortschaften, in denen wir bereits waren. Die Orte bestehen hauptsächlich aus einer Hauptstraße und nur sehr wenigen Seitenstraßen. Dadurch entstehen auch bei schon kleinen Orten sehr lange Strecken. Bis zum Supermarkt waren es dadurch drei Meilen. (ca. 5km)
Ich machte einen Frühstücks-Stopp bei McDonalds und musste feststellen, dass es bis zwölf Uhr nur Frühstücksmenü gab. Also holte ich mir Pencakes anstelle von Burgern und überlegte mir eine Tagesplanung. Gegenüber war der Outfitter, bei dem ich noch eine Gaskartusche besorgen musste, er machte jedoch erst um zehn Uhr auf. Daher besorgte ich zuerst Essen im Vons Supermarkt drei Meilen die Straße runter. Nachdem ich es irgendwie geschafft hatte, Essen für sechs Tage für zwei Personen in und an meinem Rucksack zu verstauen, versuchte ich wieder zurück zum Outdoor-Geschäft zu kommen. Mittlerweile war es zehn Uhr. Jedoch wollte ich die fünf Kilometer nicht schon wieder gehen, weshalb ich mit rausgestrecktem Daumen los lief. Nach ein paar hundert Metern hielt ein weißer SUV auf der fünfspurigen Hauptstraße und ich sprang zu zwei Frauen mit einem kleinen Hund ins Auto. Sie wollten mich erst nur bis zum Outfitter mitnehmen, wir hatten aber so viel Spaß zusammen, dass sie warteten und mich auch noch die 12 Meilen zum Trail brachten. Die ältere der beiden war Mitte vierzig und gab mir den Tip, bei unserer nächstem Schlangensichtung diese gleich um die Ecke zu bringen und als Abendessen zu grillen. Es würde wie Hähnchen schmecken. Sie überlegte auch, als Trailangel anzufangen, ihr würden die Unterhaltungen so viel Spaß machen. Und ich riet ihr dazu, einfach ihre Handynummer am Trail zu hinterlassen. Das ist hier gängige Praxis, damit man die Chance hat Trailangel anzurufen falls einen beim Trampen keiner aufsammelt oder man es sich nicht traut.
Am Trailhead angekommen wartete Tim bereits an einem schattigen Platz auf mich und Jenny gab uns noch eine Orange zum Abschied mit.
Nachdem wir alle Einkäufe ausgebreitet und entschieden hatten, wer was tragen muss, aßen wir zu Mittag und verspeisten die Orange. Ein anderer Wanderer gesellte sich zu uns und wir quatschen zwischendurch mit einem Jogger, der uns Cookies schenkte, und einem älteren Ehepaar, dessen Enkel den PCT eventuell nächstes Jahr laufen möchte. Diese Unterhaltungen passieren sehr oft. Wildfremde sind neugierig und möchten wissen, was wir so machen. Für mich macht das einen wichtigen Teil des Trails aus und ich nehme viel aus diesen Gesprächen mit. Menschen erzählen aus ihrem Leben, wenn man selbst offen ist. Es hat mich überrascht, wie schnell man über den Smalltalk, für den Amerikaner bekannt sind, hinaus kommt und sehr tiefgehende Gespräche führen kann.
Später an diesem Nachmittag haben wir Ernst aus den Niederlanden wiedergetroffen. Ihr erinnert euch vermutlich noch. Der ehemalige Lehrer aus den Niederlanden, der Teile des PCT läuft und den Rest trampt, weil er schon älter und nicht mehr der schnellste ist. Wir haben eine Weile mit ihm gequatscht und er hat uns in seinen Trailname eingeweiht. Er möchte gerne „Polepole“ genannt werden. Das heißt auf Kisuaheli wohl so etwas ähnliches wie langsam langsam. Er hat erzählt, dass er viele Jahre seines Lebens in Afrika gelebt hat und auch seine Tochter Kizuaheli studiert. Hier laufen spannende Menschen rum.
Gegen fünf sind wir an unserem Campingplatz für diese Nacht angekommen. Wir haben die Reste einer mit Süßigkeiten gefüllten Trailmagic-Kühlbox vorgefunden. Ich habe mich an ein rotes Bonbon getraut, was zu meinem Horror Zimt-Geschmack hatte, Paul hat sich schlauer weise zurückgehalten. Ich habe ja eigentlich nichts gegen Zimt, aber das war etwas zu krass.
Wir haben heute viel Zeit gespart, weil Paul schon in Big Bear Lake war. Dadurch mussten wir nicht extra rein- und raustrampen. Andere Wanderer haben das gemacht, das stelle ich mir sehr stressig vor. Ich bin froh, dass wir zu zweit sind, das vereinfacht einfach vieles. Trotzdem war es sehr angenehm, eine Nacht alleine im Zelt zu schlafen und 16 Meilen alleine zu laufen.








