Tag 43-44: Ridgecrest

Meile 630.8 – 651.3

Als wir morgens aufwachten hatten wir etwas länger geschlafen und ich war sehr müde vom Nachtwandern. Wir hatten eine schöne Aussicht und hatten unter einem Joshuatree geschlafen. Am Watercache auf der anderen Seite des Sattels war Jesus bereits dabei Wasser aus den fünf-Gallon-Kanistern umzufüllen. Er heißt eigentlich nicht Jesus, nichtmal mit Trailname, aber er schleppt einen weißen Bademantel mit, den er anzieht, wenn er nicht wandert und hat ansonsten einen langen Bart und lange Haare. Ich finde Jesus passt irgendwie.
Als wir aufgetankt waren ging es den Berghang hinauf. Es war lustig zu sehen, wo wir in der vorherigen Nacht langgelaufen waren. Wir haben schon den ein oder anderen Ausblick verpasst.

Wir machten Mittagspause unter einem stacheligen Baum, den Kühe offenbar auch mögen. Zumindest lagen überall Kuhfladen herum, die jedoch so ausgetrocknet waren, dass wir sie einfach wegkicken konnten.
Als die Mittagshitze so gut es ging überstanden war brachen wir wieder auf und holten nach und nach die Grüppchen ein, die vorher an uns vorbei gegangen waren. Nach einiger Zeit wechselte der PCT auf eine Dirtroad, der wir ziemlich lange folgten. An ihrem Ende befand sich eine Hütte und ein Bächlein, an dem wir unser Wasser auffüllten. Dort sahen wir Sticks, Jacob und einige andere vertraute Gesichter wieder. Wir füllten unsere Wasservorräte und begannen mit dem Abstieg. Viele Mitwanderer campten hier, da wir jedoch den Bus am nächsten Morgen erwischen wollten gönnten wir uns diesen Luxus nicht.

Auf einem kleinen Zeltplatz am Hang machten wir Abendbrot. Jacob setzte sich zu uns und wir unterhielten uns nett. Er hat sich sehr über die heiße Schokolade gefreut, da er stoveless (also ohne Kocher) unterwegs ist. Der Blick war atemberaubend. Die vor uns liegenden Täler ließen vermuten, dass wir uns langsam der Sierra näherten.
Die Restlichen Meilen flogen wir nur so bergab. Irgendwann wurde es dunkel, doch das störte uns nicht, wozu hat man schließlich Stirnlampen.
Der Zeltplatz am Walker Pass empfing uns mit guter Laune. Wir trafen Jacob, Footloose und andere wieder. Footlooses Vater war da und hatte etwas Trailmagic mitgebracht. Dankbar nahm ich eine Banane an und lehnte sie Bong ab. Wir unterhielten uns noch sehr nett und Paul versuchte zusammen mit Jacob unserer neuen Hightech-Kamera eine Langzeitbelichtung zu entlocken, denn die Sterne waren wieder einmal unglaublich (die Nacht war mondlos und man hatte eine schöne Aussicht auf die Milchstraße). Dann schliefen wir erschöpft ein, morgen sollte ein anstrengender Tag werden.

Als mein Handy um halb fünf vibrierte packten wir so leise es ging unsere Sachen zusammen, um die Anderen nicht zu wecken. Dann gingen wir die anderthalb Meilen bis zur Straße, lasen die Erinnerungstafel an Herrn Walker, von dem der Walker Pass seinen Namen hat und fanden die Bushaltestelle etwa hundertfünfzig Meter westlich. Wir warteten auf den Bus, der um Viertel nach sechs mit einer Viertelstunde Verspätung kam. Für drei Dollar pro Person fuhr uns ein netter Herr um die sechzig die 18 Meilen zum Wallmart. Harold, 85 jähriger Navy-Veteran mit erwachsener Tochter, die auch beim Militär ist, sogar mal in Deutschland stationiert war und inzwischen Witwe ist, weil sie einen noch älteren Mann als Harold geheiratet hatte, erzählte uns währenddessen von Gott und der Welt.
Bei Walmart in Ridgecrest angekommen besorgten wir uns zuerst einmal Frühstück, was wir in Ruhe auf einer Bank vor dem Supermarkt aßen. Dann stürzten wir uns ins Abenteuer und erkundeten den ersten Walmart unseres Lebens. Er war groß und man konnte dort wirklich alles kaufen. Wir stellten jedoch fest, dass er nicht sehr günstig war. Wir trafen auch Thomas wieder, mit dem wir schon bei Scout und Frodo waren und der nun mit seinem Sohn unterwegs ist. Die zwei wollen die Sierra vorerst umfahren, um sie schneefrei zu bezwingen. Als wir für zwei Wochen Essen und einige andere Dinge eingekauft hatten, fuhren wir mit einem Uber zur Post und schickten ein Paket mit Essen nach Lone Pine vorraus, weil es dort angeblich keinen richtigen Supermarkt gibt.

Dann sind wir zum benachbarten Supermarkt gegangen und haben das Müsli, welches nicht mehr ins Paket gepasst hat mit Milch und Bananen gegessen. Danach war mir ziemlich schlecht und ich dachte ich hätte zu viel gegessen. Wir versuchten Geld an einem Geldautomaten abzuheben, er verweigerte jedoch den Dienst. Als wir wenig später Gas und ein Bandana in einem Outdoorladen kaufen wollten funktionierte die Kreditkarte nicht mehr.
Wir setzten uns in ein McDonald’s um Internet und Strom zu benutzen. Auch hier funktionierte die Kreditkarte nicht mehr. Es gab jedoch nichts, was wir in dieser Situation dagegen tun konnten und so verschoben wir dieses Problem auf Kennedy Meadows. Mir ging es schon viel besser. Ich glaube draussen war es einfach zu heiß. Der klimatisierte McDonald’s hat mir wieder auf die Beine geholfen.
Wir sahen wohl so erbärmlich aus, dass der Manager uns jeweils einen Gutschein für einen großen Burger schenkte. Diesen ließen wir uns schmecken.
Später merkten wir, dass die Steckdose, die wir nutzten, nicht wirklich Strom lieferte und so zogen wir zur Post um und luden dort die Akkus auf. Ein älterer Herr gesellte sich zu uns und wir unterhielten uns eine gute Stunde mit ihm.
Um halb sieben nahm uns der Bus wieder mit zurück zum Walker Pass. Harold fuhr auch wieder mit und schenkte uns deutsche Räucherheringe aus der Dose.
Auf dem Campingplatz verteilten wir Donuts, die wir mitgebracht hatten, ließen uns Apfelstrudel und Bagels schmecken und unterhielten uns lange mit Andreas aus Stuttgart, den wir schon im Mission Creek getroffen hatten. Dann gingen wir zu Bett, Städte sind immer anstrengend. Da gibt es so viele Menschen und man muss an viele Dinge gleichzeitig denken, deshalb freue ich mich zurück auf dem Trail zu sein.

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Ein Kommentar

  1. Ach wie schön, wieder von euch zu lesen und eure vielseitigen Schritte und erlebten Meilen begleiten zu können. Die meisten Menschen erkunden Walmarts und nicht die Welt, bei euch ist es genau anders herum. Und das ist auch gut so! Passt weiter gut auf euch auf! Viele liebe Grüße, Katrin und Pius

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