Warum tun wir uns das an?

Cape Wrath Trail, Tag 5
-> Shiel Bridge -> Ratagan

Die Nacht in der Jägerhütte war ganz gut. Ich bin ein paar mal aufgewacht weil es neben meinem Kopf tropfte. Als ich eine Mauer aus meinen Socken und Sealskinz gebaut habe war das Problem gelöst. Leider habe ich in der Schlaftrunkenheit nicht gerallt, dass dann alle meine Socken pitschnass werden. Kann man nicht ändern, ich wringe sie aus. Bei der Gelegenheit schaue ich mir unser Tal an. Seit gestern sind ein paar Wasserfälle an den Flanken hinzugekommen, das habe ich nicht erwartet. Ansonsten hat sich nicht viel getan. Es regnet immernoch, wobei es heute Nacht teilweise richtig stürmisch war.

Wir machen Frühstück. Es gibt Poridge und eine Packung Mac ’n Cheese, die wir gestern Abend übersehen haben. Dann schmieren wir uns in weiser Vorraussicht ein paar Tortillas fürs Mittagessen, noch sind wir im Trockenen.

Zähne putzen und auf gehts. Nach 10 Metern haben wir ein Problem. Der kleine Gebirgsbach von gestern ist über Nacht zu einem reißenden Strom mutiert. Da kommen wir nicht durch. Hilft nur bergauf laufen. Als wir nach gut zwei Stunden endlich eine Stelle finden, an der der Fluss bezwingbar ist sind wir 2/3 des Tals hoch gelaufen, wobei gelaufen ein Euphemismus ist. Es gibt keine Wege, der Boden ist mit Wasser voll gesaugt und man navigiert von einem Hügelchen zum anderen um wenigstens nur bis zum Knöchel im Morast zu stehen. Andererseits ist das Tal auch von besonderer Schönheit, weil kleine Bäche mit Wasserfällen an den Hängen entspringen.

Nach der ganzen Arbeit kommt es uns ziemlich dumm vor einfach auf der anderen Seite des Bachs zurück zu laufen und wir sind auch nicht sicher, ob wir dann heute noch ankommem. Deshalb beschließen wir zum Grat weiter zu klettern und dann diesen entlang zu gehen um im Nachbartal abzusteigen und ein Stück Straße zu laufen.

Gesagt getan. Das Terrain wird immer steiler und ich muss mich sehr konzentrieren nicht weg zu rutschen. Es regnet und wird zunehmend windiger, immerhin haben wir Rückenwind.
Oben angekommen setzen wir uns hinter eine alte Mauer und essen einen Tortilla mit Nutella. Es tut gut für ein paar Minuten aus dem Wind zu sein. Wir sitzen auf einem Sattel zwischen zwei ziemlich steilen Felswänden. Ich hoffe wir kommen da hoch. Zum Glück können wir unserer Mauer folgen. Sie wurde hier wohl errichtet um die Schafe einzusperren.

Wir klettern über den Grat, an Schneefeldern entlang. Mich beeindruckt der Wind und Regen, der mir ins Gesicht peitscht. Es fühlt sich an wie kleine Hagelkörner. Zwischendurch werden wir immer wieder von Ausblicken auf die unter uns liegenden Täler verwöhnt.
Es ist ein ganz komisches Gefühl zu wissen, dass man der einzige Mensch weit und breit ist.
Ich bin froh, als wir nach ein paar uninteressanten Gipfeln endlich vom Grat in ein Nachbartal absteigen. Endlich lässt der Wind nach. Es geht sehr steil bergab, aber wir finden einen Wanderpfad, das erleichtert sowas ungemein. Ich rutsche mehrmals auf dem nassen Gras aus. Als ich mir fast mein Knie verdrehe beschließe ich einen Gang langsamer zu gehen. Ich merke, dass ich mich seit gut vier Stunden konzentriere und langsam anfange abzubauen.

Nach einiger Zeit kommen wir an einen unangenehm reißenden Gebirgsbach. Wir gehen ein paar Meter hoch und runter, beschließen dann, die beste Stelle ist da wo wir herkommen sind und queren den Bach untergehakt und mit Stöcken, wie wir das auf dem PCT gelernt haben. Sah schlimmer aus als es war, zum Glück ist alles gut gegangen. Wir machen kurz Pause um unsere Seal Skins auszuleeren, es ist zwar schkn, dass sie Wasser draußen halten, aber sie halten es leider auch drinnen. Jetzt sehen wir, dass 100 Meter flussabwärts ein beachtlicher Wasserfall war. Gut, dass alles geklappt hat, den hätte man nicht überlebt. Wir gehen weiter. Ich habe ein mulmiges Gefühl, das ist mir hier eigentlich zu viel Risiko gewesen. Wenn es so weiter Regnet wird dies der letzte Tag auf dem CWT nehme ich mir vor, schließlich mache ich hier ja gerade Urlaub.

Als wir fast an der Fahrstraße angekommen sind trauen wir unseren Augen nicht. Wir stehen auf einer Insel. Rechts kommt der inzwischen unpassierbar große Fluss das Tal entlang gedonnert und links das Äquivalent aus dem Nachbartal. Wir entscheiden uns für den Linken und finden eine Stelle um über ein paar rutschige, wackelige Steine zu balancieren. Gut, dass das hier keiner sieht denke ich und halte den Atem an, als Paul schließlich drüben ankommt.
Der Rest des Tages wird von Type 2 Fun (in der Situation doof, aber gut um hinterher drüber zu erzählen) zu Type 3 Fun (in der Situation doof und wird auch nicht besser). Wir laufen erst eine viel befahrene Straße ohne Seitenstreifen entlang, drehen uns weg, wenn die LKW mit einem Meter Abstand an uns vorbei brettern und uns vollregnen. Dann kommen wir von der Straße weg und waten zwei Stunden durch Morast. Immerhin sind überall Schafe.

Als wir schließlich in Shiel Bridge ankommen habe ich einfach keine Lust mehr. Ich freue mich auf etwas zu essen, vielleicht einen warmen Kakao vom Supermarkt. Denkste. Der Supermarkt wird renoviert. Die Moral liegt am Boden, der Elan ist längst über alle Berge und meine Laune mit dem guten Wetter durchgebrannt. Ich habe keine Lust mehr. Und jetzt, meine Damen und Herren, zum Wetter: Die nächsten Tage ist Regen angesagt. Wir überlegen wie wir hier weg kommen und was wir stattdessen machen können. Da fährt ein Bus in 10 Minuten, das ist uns zu spontan, in 4 Stunden würde noch einer kommen. Und was dann? Wo wollen wir hin.

Wir einigen uns, es erstmal vor Ort zu versuchen. Ich rufe beim lokalen Youth Hostel an, während meine Füße zu Eisklötzen werden (Stufe 2, s.o.). Der Herr am Telefon ist neu und sein Computer stürzt ab, er kann mir nicht sagen, ob noch was frei ist. Ich sage ich rufe in 15 Minuten nochmal an, nachdem ich es nicht schaffe ihm meine Telefonnummer auf englisch durch zugeben. Paul hat auch nicht mehr Erfolg, er schlägt sich mit nicht vergebenen und falschen Telefonnummern rum.
Wir versuchen, ob man online ein Bett in der Jugendherberge bekommt. Das scheint zu klappen. Ich rufe nochmal an. Alles klar, wir können vorbei kommen, es gibt aber nichts zu essen in der Jugendherberge. Das ist uns inzwischen egal.
Wir essen unser letztes Twix und setzen die nassen Rucksäcke auf. Das wird jetzt 50 Minuten Teerstraße im Regen; Spaß -.-

Wiederwillig laufen wir los, kommen aber nur ein paar Meter weit, da bekommen wir von zwei sehr netten Schotten angeboten, dass sie uns in ihrem Van mitnehmen können. Sie erzählen uns, dass die Ziegen, die überall rumlaufen von den Spanischen Soldaten mitgebracht wurden als sie den Stuarts (siehe Glenfinnan Monument) bei der Rückeroberung des Throns helfen wollten. Fünf Minuten später stehen wir vor der Jugendherberge und ich bedanke mich bei unseren Rettern und dem Universum. Wir gehen rein, beziehen zwei Betten und sind wirklich froh ins Warme zu kommen. Eine warme Dusche kann wirklich Wunder bewirken.

Unser Essensproblem ist noch nicht gelöst. Wir haben noch drei Löffel Nutella, that’s it. Insgeheim stelle ich mich auf eine hungrige Nacht ein. Doch wir haben Glück, Menschen sind sehr nett. In diesem Fall Kasha, sie arbeitet in der Jugendherberge und hat von unserer Misere gehört. Sie kocht uns einen großen Topf Nudeln mit Pesto und Spinat und Sonnenblumenkernen und Käse und vielen anderen gesunden Sachen. Es ist wirklich sehr lecker und wir sind wirklich sehr dankbar. Danke nochmal Kasha, falls du das hier liest! You really made our day!!!

Auch die anderen beiden Gäste sind nett und füttern uns abends mit Käse und Trauben.
Mit etwas zu essen im Bauch sieht die Welt gleich anders aus. Wir beschließen morgen einen Tag nicht zu wandern und ein Stück Weg zu überspringen. Außerdem so viel es geht drinnen zu schlafen und so den Stress aus der Wanderung zu nehmen. Ich merke wie mich diese Entscheidung entspannt. Es ist als wird mir eine Last von den Schultern genommen. Der Weg wird von Arbeit zu Urlaub. Ich freue mich auf die nächste Woche.

Wir fallen abends ins Bett und nehmen uns vor auszuschlafen. Ich schlafe wie ein Stein, in unserem Zimmer wird geschnarcht, aber das nehme ich gar nicht war.

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Ein Kommentar

  1. Wie gut, dass wir eure Abenteuer erst lesen, wenn wir des guten Ausgangs gewiss sind. Ich bin gespannt, wie es weitergeht!

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