Tag 65: Teuflische Post

Meile 908.1 – 926.1

Heute Morgen klingelte um fünf Uhr der Wecker. Wir haben gestern mal nachgerechnet und bemerkt, dass wir im Schnitt 25 Meilen pro Tag laufen müssen um Kanada noch vor Oktober zu erreichen. Es ist klar, dass das in der Sierra nicht geht, aber wir könnten die Tagesdistanzen schon etwas nach oben schrauben. Deshalb wurde der Wecker eine halbe Stunde früher gestellt.

Wir packten zusammen und gingen eine Weile. Dann machten wir auf „Devils Postpile“ (des Teufels Briefstapel) in Begleitung eines Rehs Frühstück. Es gab Müsli mit Milchpulver. Beides war noch übrig von unserem Besuch auf der Muir Trail Ranch.

Devils Postpile ist ein „National Monument“ und normalerweise gut besucht. Wir hatten ihn aufgrund der Uhrzeit jedoch für uns allein. Der Postpile ist ein ca. zwanzig Meter hoher Hügel in der Mitte eines Tals. Das besondere ist, dass er aus regelmäßigen Basaltsäulen besteht, während alles andere hier Granit ist. Die gleichmäßigen Sechsecke der Basaltsäulen sehen sehr surreal und künstlich aus. Er war vor ca. 100 000 Jahren fluessig und ist dann langsam abgekühlt.

Als wir weiter das Tal entlang liefen, kamen wir an einen Abzweig. Der John Muir Trail ging nach links ab an mehreren kleinen Seen vorbei mit vielen Höhenmetern im Schnee, um sich nach einigen Meilen wieder mit dem PCT zu vereinigen, der ziemlich gleichmäßig und ohne viel Schnee bergauf ging. Wir beschlossen dem PCT zu folgen, wir haben in den letzten zwei Wochen genug Schnee gehabt.

In den folgenden zwei Stunden wurden wir an den Rand unserer Existenz gebracht. Von einem Gegner, der den stärksten Mann, die stärkste Frau in die Knie zwingen kann: Mücken! Sie waren überall, landeten beim Laufen auf den Beinen um zu stechen und sich an unserem Blut zu ergötzen. Es verschaffte nur wenig Befriedigung, wenn man vier oder fünf mit einem Schlag töten konnte. Nur eine tote Mücke ist eine gute Mücke!

Als wir höher kamen nahm die Mückenpopulation langsam ab und wir hatten Zeit zwischendurch auch mal stehenzubleiben und den sagenhaften Ausblick zu genießen.

Wir kamen gut voran und in der Mittagspause schaffte ich es endlich E-Mails mit Altra zuschreiben um Ersatz für die kaputten Schuhe zu bekommen. Nachdem die E-Mail 15 Minuten gebraucht hat um von meinem Handy ins Internet zu fließen bekam ich quasi direkt eine Antwort. Man würde mir die Schuhe ersetzen und ich könnte mir ein Modell aussuchen. Das ist Mal Kundenservice 🙂 Die Mittagspause war außerdem insofern besonders, als dass wir in Mamoth Lakes echte Salami gekauft hatten, die wir uns schmecken ließen. Außerdem gab es Honig, Mandelbutter und Nutella und alle möglichen anderen guten Sachen. Manchmal fühle ich mich wie Gott in Frankreich.

Nach der Mittagspause kamen uns zunehmend unsportlichere Wanderer entgegen. Es war Freitag und man kann wohl eine Tagestour zum „See der tausend Inseln“ machen. Dort kamen auch wir gegen drei Uhr an und ich habe gedacht, dass es nicht nur schöne Ausblicke von Bergen herunter gibt, sondern auch auf Berge hinauf. Der See lag glitzernd da, es trieb eine große Eisscholle darin und eine kleinere, die nach einiger Zeit umkippte. Dann kam ein Möwe angeflogen. Ja, eine Möwe, keine Ahnung wie die hierher kommt, wir waren etwas irritiert, schließlich sind wir auf der Ostseite der Sierra unterwegs. Die tausend Inseln konnten wir leider nicht im gesamten Ausmaße bewundern, dafür hätten wir vermutlich die JMT Route an der Abzweigung nehmen müssen. Einen Teil des Sees konnten wir jedoch trotzdem sehen:

Auf den folgenden Meilen zeigte sich die Sierra nochmal von ihrer wilderen Seite. Wir überquerten einen Pass im Schnee, wobei dieser im Vergleich zu den Pässen der letzten Wochen keinerlei Herausforderung darstellte und meiner Meinung nach auch kein wirklicher Pass war, es gab noch nicht einmal eine Kante, nur eine Art Kuppe. Ein paar kleinere Bachquerungen später trafen wir Greybeard und Redbeard wieder. Da sie den JMT laufen werden sie wohl nur noch zwei Tage unterwegs sein. Wir unterhielten uns gute fünf Minuten über Politik und gingen dann weiter.

Unser Lager schlugen wir etwas Abseits eines Gebirgsbaches auf. Beim Abendessen hatten wir ein Froschkonzert und eine superschöne Aussicht. Morgen kommt der vorerst letzte größere Pass an die Reihe und dann freue ich mich darauf wieder etwas entspannter voran zukommen. Heute war ich sehr dankbar hier sein zu können.

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