Pasta Party
Cape Wrath Trail, Tag 9
Shenavall -> Ullapool
Wir wachen auf und als ich zur Türe hinaus trete, um der Natur ein wenig Flüssigdünger zuzuführen, blicke ich in ein bewölktes, aber trocken anmutendes Tal. Ich freue mich, dass es heute scheinbar trocken bleibt.
Wie sehr ich mich damit getäuscht habe, merken wir nach dem Frühstück. Schottland zeigt uns Mal wieder, wie unglaublich wechselhaft und nicht vorhersehbar das Wetter hier sein kann.
Es schneit. Und das nicht gerade wenig. Die Flocken sind groß und schwer. In diesem Schneetreiben brechen wir von Shenavall auf. Später werden wir verwundert angeschaut, als wir erzählen, dass wir hier alleine übernachtet haben. Man sagt uns, dieses Bothy sei eigentlich immer gut besucht. Und das trotz des zugigen Schlafbodens im ersten Stock. Immer wenn man den Wind hörte, wie dieser am Dach entlang saust, wusste man, dass eine Sekunde später eine leichte Brise über das Gesicht schmeicheln würde. Eine sehr skurrile Erfahrung, sagt das Gehirn einem doch, man liegt in einem Haus und das darf gar nicht passieren.
Während wir nach dem Erklimmen des nächsten Bergrückens absteigen, wird das Wetter allmählich besser. Wir kommen aber nun auch wieder so tief ins Tal hinunter, dass aus Schnee Wasser und Matsch wird und es nieselt. Mittagspause machen wir bei einer Scheune im Tal und sogar die Sonne kommt raus. Wir genießen sie zusammen mit Wraps und einem Apfel mit Nutella. Die Erholung tut gut.
Der Vormittag war anstrengend. Im Schneegestöber haben wir mehrmals den in gutem Wetter bereits schwer auszumachenden Weg verloren und der feuchte Boden zusammen mit Knöchel tiefem Schnee sorgte für einen sehr unrunden und ungewissen Tritt. Wir sind dabei größtenteils im Nebel gelaufen. Ich fand das etwas enttäuschend, da ich mir das schöne Schneepanorama gut vorstellen konnte, welches wir gerade verpassten.
Gegen Ende der Mittagspause kommt ein Auto des Weges gerollt und durch den älteren Fahrer erhalten wir den ernsten Hinweis, dass die Scheune, vor der wir sitzen, jemandem gehöre. – sag bloß.
Dann fährt er weiter.
Die Sonne genießend steigen wir das nächste Tal empor. Die Wolken werden immer weniger und wir können nun den spektakulären Ausblick auf die Schneebedeckten Berge um uns herum bestaunen. Unser Wanderpfad gleicht zwischenzeitlich eher einem Bachlauf, aber das ist mir alle mal lieber, als gar keinen Weg zu haben.
Wir kommen kurz darauf auf eine Hochebene. Der Schnee knierscht unter unseren Füßen und man sieht bis zum Horizont nur schneebedeckte Berge. Durch den so schnellen Wechsel von grünem Weideland zu ausschließlich weißem Panorama kommen uns vor, als seien wir in in Sibirien oder Alaska unterwegs. Den Weg verlieren wir auch nur einmal und kommen gut voran.
Am Nachmittag bricht die Hochebenen abrupt ab und ein tiefes Tal zieht sich zwischen den weißen Hügeln hindurch. Vereinzelte Farmhäuser unterbrechen große Wiesen, auf denen Schafe friedlich grasen. Der Anblick ist sehr idyllisch und erfüllt meinem Empfinden nach das typische Klischee Großbritanniens.
Durch das Tal verläuft eine der rar gesäten Straßen und wir überlegen, wie wir die 15 km nach Ullapool am einfachsten zurücklegen. Auf der Straße laufen kommt für mich nicht in Frage, da meine Füße und Beine durch den steilen Abstieg bereits ziemlich durch sind. Laut Fahrplan sollte ein Bus die Straße entlang kommen und wir haben die Hoffnung, obwohl keine Haltestelle vorhanden ist, diesen herauswinken zu können. Der Bus erscheint jedoch auch eine halbe Stunde nach Fahrplan nicht. Unser Versuch zu trampen ist auch von wenig Erfolg gekrönt, hierbei haben wir heute wohl nicht so viel Glück. Letztendlich bestellen wir uns ein Taxi.
Im netten Gespräch mit der Fahrerin erfahren wir, dass sie gestern bereits einen Cape Wrath Trail Wanderer nach Ullapool gefahren habe. Wir erinnern uns, dass der Finne Mikka auch im Hüttenbuch des Bothys einen Eintrag hinterlassen hatte. Sie lässt uns am Youth Hostel in Ullapool raus, bei dem wir heute Mittag die letzten freien Betten ergattert hatten.
Dieses liegt direkt an der Uferpromenade mit Blick auf den kleinen Hafen ins Landes Innere. Hinter dem Meerarm Loch Broom erheben sich die Berge, in denen wir vorhin noch unterwegs waren.
Am Abend machen wir eine fette Pastaparty. Ich kann glaube ich mit Gewissheit sagen, das ich noch nie so viel Nudeln auf einmal gegessen habe. Von dem Kilogramm Nudeln verdrücken wir ca 750 Gramm. Dazu verschlingen wir eine Soße aus einem Bündel Frühlingszwiebeln, einer Schale Pilzen, zwei Gläsern fettigem, rotem Pesto und 300 Gramm Cheddar. Ich bin ernsthaft erstaunt, dass mein Magen überhaupt so groß ist, dieses Volumen zu stemmen. Ich höre rechtzeitig auf zu essen, so dass ich ein angenehm gesättigtes Gefühl habe und wir lassen den Abend entspannt ausklingen.
Dabei kommen wir mit einer Gruppe am Nachbartisch ins Gespräch und es stellt sich heraus, dass einer der Männer bereits den Cape Wrath Ultra gelaufen ist und dieses Jahr beim Verpflegungsteam mithilft. Dabei handelt es sich um einen Ultra-Marathon, bei dem die 400km des Cape Wrath Trails in acht Tagen zurück gelegt werden. Wir würden bei unserem aktuellen Tempo in etwa 15 Tage brauchen, würden wir jeden Kilometer wandern.












