Not the Beinn Dorain
(Not the) West Highland Way, Tag 6
Beinn Dorain, Bridge of Orkey
Seit Tag vier Stelle ich mir keinen Wecker mehr, das hat auch bisher gut geklappt. Heute werde ich jedoch durch ein rütteln am Zelt und ein fragendes „Paul, bist du wach?“ geweckt.
Schlaftrunken schaue ich auf meine Uhr – halb 7. Ich hatte mich gegen 5 Uhr nochmal umgedreht, und bin offenbar noch einmal richtig eingeschlafen.
Stöhnend fange ich an meine warmen Sachen anzuziehen, um raus zu gehen. Kurz darauf kommt ein erneutes, nun sorgenbehaftetes oder ungeduldiges „Alles okay?“ von Tim von draußen. Was für ein Unterton mitschwingt kann ich zu dem Zeitpunkt nicht einschätzen. Ich bestätige, dass ich mich schon am Anziehen bin und beeile mich nun etwas dabei.
Als ich kurze Zeit später die Türe meines Zeltes öffne, strömt mir eiskalte Luft entgegen. Seit gestern Abend sind noch zwei weitere Zelte dazu gekommen. An einem liegt ein Tourenrad. Eine Radtour durch Schottland stelle ich mir auch gut vor. Man kommt hier glaube ich ziemlich schnell voran, die Entfernungen sind ja nicht die größten. Wobei mir Regen auf dem Fahrrad mehr ausmacht als beim Wandern. Auf dem Rad wird mir bei Regen schneller kalt.
Jedenfalls öffne ich mein Zelt, und schaue auf das Zelt des Radlers. Dieses ist ein einziger Eisklotz. Das gesamte Zelt ist von einer Eisschicht überzogen, die an mehreren Stellen Risse quer über das Zeltdach hat. Der Boden ist Weiß vom Raureif und Tim läuft frierend im Kreis um den Picknicktisch. Offenbar und verständlicher Weise hatte Tims Nachfrage Ungeduld als Unterton gehabt. Schnell bauen wir den Kocher fürs Frühstück auf. Auf dem Picknicktisch liegt eine drei Millimeter Schnee-/Frostschicht. Der Fluss neben der Zeltwiese hat scheinbar alle Wärme aus der Luft gezogen. Als hätten wir die Kalte Nacht geahnt, hatten wir gestern beim Einkaufen Baked Beans mit Reis für das jetzige Frühstück gekauft. Zusammen mit einem Tee im Magen packen wir in meinen Rucksack ein paar Snacks und Mittagessen ein, lassen die überfrorenen Zelte stehen und laufen los.
Dick eingemummelt geht es auf den Hausberg Beinn Dorain. Diesen 1.067m hohen Berg haben wir gestern bereits aus dem Bus gesehen. Von Süden aus wirkte dieser wie eine Gras überzogene, steile Pyramide und versprach uns einen fabelhaften Ausblick über die Umgebung, da er im Umkreis der höchste Berg ist. Das mit dem Ausblick wird leider nichts. Es ist zwar Sonnenschein und blauer Himmel für heute angesagt, aber als wir auf dem neun Meter tiefer liegenden Nebengipfel Cairn Sasunnaich stehen, umhüllt uns eine dicke Wolke, die wir schon etwa 100 Höhenmeter weiter unten betreten hatten. Ich steige auf den Steinhaufen, der den Gipfel markiert, um vielleicht doch noch auf die Höhe des Hauptgipfels zu kommen. Auch dort oben ist eine Wolke und wir beschließen wieder abzusteigen. Damit haben wir jetzt auf unserer „Not The West Highlands Way“-Tour auch den „Not the Beinn Dorain“ gemacht.
Der Aufstieg war trotzdem sehr schön durch ein kleines Tal und erinnerte mich ein wenig an die Alpen. Nur wenn man sich umdreht schaut man eben nicht in ein enges Alptal, sondern in die Schottischen Highlands. Im oberen Bereich stoßen wir sogar auf ein paar Schneefelder, aber alles nichts weltbewegendes oder gar technisch anspruchsvoll.
Beim Abstieg kommen uns immer mehr Wanderer und Trailrunner entgegen. In ein bis zwei Stunden hat sich die Wolke sicherlich verflüchtigt und sie werden einen guten Blick haben. Bis dahin werden wir aber bereits im Tal sein, unser Zelt abgebaut haben und weiter auf dem West Highlands Way wandern.
Auch ein Gleitschirmpilot kommt uns mit seinem großen Rucksack entgegen. Die Termik heute Mittag ist bestimmt fabelhaft und die Ausblicke über die Highlands müssen abgefahren sein. Vielleicht mache ich ja auch Mal einen Gleitschirm Schein. Irgendwann wenn ich Zeit dafür habe. Und Geld habe. Und auch Zeit zum Fliegen haben. Mal schauen, vielleicht in meiner Midlife-Crisis. =P
Im Tal ist unser Zelt mittlerweile getrocknet und wir machen eine Essenspause. Tim bietet an, ein Familienfoto zu machen, als er sieht wie der Mann hohen Alters sich beim Hinsetzen abmüht und fürs Aufstehen all seine Konzentration aufbringen muss. Etwas angeberisch setzt Tim sich anschließend einbeinig hin und steht sogleich wieder einbeinig auf. Tim wird gefragt, ob er beim Royal Ballett sei. Alle Lachen, das Eis ist gebrochen und sie unterhalten sich noch ein wenig darüber, was wir machen. Der Mann kennt sowohl den West Highland Way, als auch den Not the West Highland Way. Sogar der Cape Wrath Trail ist ihm ein Begriff und er freut sich für uns, dass wir diese Erfahrungen machen können. Sie meinen, von dem Familienfoto wird wohl nur der sportliche Junge, der hinter der Kamera tanzte in Erinnerung bleiben und halten mit Ihrem Auto noch einmal neben uns, um sich zu verabschieden, als sie weiter fahren.
Etwas weiter den Trail entlang campen erstaunlich viele Leute an einem Bach. Wir bemerken, es ist ja Samstag und bei dem guten Wetter diese Woche zieht es auch überwiegend Einheimische raus in die Natur.
Weniger Kilometer weiter bauen wir unser Camp auf. Seit den Zelten hatte sich die Fahrstraße in einen historisch aussehenden Weg aus Kopfsteinpflaster gewandelt. Unsere Zelte stehen auf einer Wiese neben Ruinen. Die Verfallenen Häuser haben einen besonderen Flair. Ich liege anschließend im Gras und denke: So stellte ich mir Schottland vor. Ein endlos breites Tal mit einem See, dessen Enden man nicht sieht. Überall überziehen Wiesen die Hügellandschaft. Ab und an ein Bäumchen. Ein kleiner, alter Weg aus Kopfsteinpflaster durchzieht die Landschaft und neben einem mit Moos überwucherten, verfallenen Haus grasen Schafe. Fehlt nur noch der Ochsenkarren, der sich langsam durch das Tal schleppt.
Ich bin glücklich, liege nur da und genieße die Sonne auf meinem Gesicht. Das Leben ist einfach und schön.
Wie essen bei Sonnenuntergang zu Abend und genießen eine nicht so kalt Nacht wie gestern.












