Tag 17: Mama Bear
Meile 194.2 – 218.5
Auf dem PCT gibt es eine Faustregel für Südkalifornien: „10 vor 10“. Bedeutet, wenn man zehn Meilen vor zehn Uhr geschafft hat, kann man die heißen Mittagsstunden irgendwo im Schatten verbringen und Nachmittags weitere zehn Meilen machen, um zwanzig Meilen zu schaffen ohne sich total zu verausgaben. Wir dachten, wir versuchen das mal, weil wir ja jetzt in unserer zweiten Woche sind und langsam zwanzig-Meilen-Tage machen sollten, um voran zu kommen.
Deshalb hat der Wecker gegen 5:30 Uhr geklingelt und wir haben mit Blick auf einen wunderschönen Sonnenaufgang gefrühstückt. Die Marienkäferplage hat sich beim Zeltabbau fortgesetzt.

Ein paar Meilen weiter habe ich mich in die Büsche geschlagen, um auf Toilette zu gehen. Beim Weitergehen habe ich meine Sonnenhandschuhe liegen gelassen (graue Handschuhe auf grauem Stein…). Dies ist mir jedoch leider erst 1.3 Meilen später aufgefallen und ich bin zurück gejoggt, bergauf, in der prallen Sonne. Die zehn vor zehn konnten wir somit vergessen. Hinzu kam, dass beim Toilettengang das Toilettenpapier fast zur Neige ging. Paul hatte eigentlich Klopapier in Idyllwild aus der Ferienwohnung geklaut, es dann aber vergessen einzupacken. Wir hatten bisher nicht vor gehabt, nach Cabazon zu trampen und uns deshhalb geärgert, dass wir jetzt einen halben Tag nur wegen Toilettenpapier verlieren. Cabazon ist vor allem ein großes Casino mit Hotel, das wohl von einem Indianerstamm geführt wird, ein paar Meilen den Highway runter. Paul hat während meines kleinen Fiaskos ein wenig weiter den Trail runter auf mich gewartet. Nach über einer Stunde Wartezeit wurde er langsam nervös und fing an, mir entgegen zu laufen.
Als wir Mittagspause unter ein paar Büschen vor einem Haus gemacht haben, ist uns aufgefallen, dass das Haus zum Verkauf steht, der Makler da ist und man einfach reinkommen kann. Ich habe also kurzerhand nachgefragt ob er mir etwas Toilettenpapier abgeben kann. Der Makler war sehr peinlich berührt und meinte dann er wollte sowieso gerade gehen und das Haus gehöre ihm nicht. Ich glaube Amerikanern ist Klopapier peinlich, sie sagen auch fast ausschließlich „TP“ dazu…
Morgens waren wir vom Mt. San Jacinto Massiv abgestiegen. Nach dem Mittagessen haben wir das Tal zum Mt. San Gorgornio Massiv durchquert. Es war steppenartig mit vielen Sandflächen. Außerdem war es voller Windräder und deshalb sehr, sehr windig.
Wir hatten schon vom Berghang beim Abstieg die Züge bewundert, die auf der Bahnstrecke sehr langsam durch das Tal fuhren. Von Nahem betrachtet stellte sich nun heraus, dass sie zum größten Teil mit zwei aufeinander gestapelten Schiffscontainern pro Wagon beladen waren, was die niedrige Geschwindigkeit erklärt. Außerdem waren sie unglaublich lang.
Unter der Eisenbahnbrücke erwartete uns Trailmagic. Der Trailangel Mama Bear hatte Obst, Softdrinks, Klappstühle, Brownies, Hotdogs und andere von Thruhikern sehr vermisste Dinge bereitgestellt. Es war eine super Atmosphäre und wir haben ein PCT-Tuch geschenkt bekommen. Sie hat Geld für „hike for mental health“ gesammelt und alles Bereitgestellte aus eigener Tasche gezahlt. Eine ziemlich coole Idee. Das beste war jedoch, das wir unser Toilettenpapier mit ihren Feuchttüchern auffüllen durften. – Tag gerettet!
Wir haben es uns dort eine ganze Weile gut gehen lassen, danach sind wir wieder in die Berge aufgestiegen. Pauls Handy hat irgendwie den Geist aufgegeben. Es rebootet dauernd und zeigt komische Fehlermeldungen an, wir haben es daher in einen Ziplockbeutel gepackt und als Problem für später abgehakt. Mittlerweile (3.6.) haben wir uns eine Kamera bestellt, da das Handy komplett ausgefallen ist und unser hauptsächliches Fotosmartphone war.
Paul hat gegen Abend aufgedreht und ist richtig schnell gewandert. Ich musste aufpassen, nicht angehängt zu werden. Das letzte Stück sind wir im Dunkeln mit Stirnlampe gewandert. Wir haben definitiv einen Streckenrekord aufgestellt, vor allem ich mit der Jogging-Einlage… Bob wurde unter atemberaubendem Sternenhimmel im sehr breiten Flussbett des Whitewater Rivers aufgebaut. Wir machten noch Witze über die Frösche und ahnten nicht, dass es eine sehr stürmisch sandige Nacht werden sollte.











Wow. Jetzt mit Cliffhanger 🙂
Mama Bear ist doch nicht so gefährlich, wie ich beim Titel gedacht hab…
Hallo Tim,
der Gang zur Toilette – oder die Rückkehr davon – scheint ja eine Herausforderung zu sein 🙈. Mal verlierst du die Orientierung, mal die Handschuhe, und „TP“ muss auch organisiert werden – da merkt man als Zuhausegebliebene mal wieder, was man so alles für selbstverständlich hält!
Frohes Wandern weiterhin euch beiden!