Von Sternen und Fjorden
(Not the) West Highland Way, Tag 8
Kinlochleven
Wir wachen zu einem szenisch schwer zu überbietenden Sonnenaufgang auf. Am Gipfel des gestern bestiegenen Beinn a‘ Chrulaiste essen wir im Windschatten einer kleinen Steinmauer Frühstück. Die Sonne geht über einem unendlich groß wirkenden Tal auf und über den vereinzelten Seen hängen kleine Nebelfelder. Der Horizont ist diesig und die Sonne ist groß. Ich erzähle Tim, wie man in der Nacht schon das Glimmen von Fort William hinter der nächsten Berggruppe erahnen konnte. – Fort William stellt für uns den Übergang vom West Highland Way zum Cape Wrath Trail dar.
Heute Nacht war ein grandioser Sternenhimmel. Wir hatten uns für 23 Uhr einen Wecker gestellt, als klar wurde dass die Nacht einen klaren Himmel haben wird.
Der Wecker riss mich ganz unerwartet aus dem Schlaf und ich brauchte einen Monat bis ich wieder wusste was los war.
Nachdem ich mir was warmes übergezogen hatte, machte ich die Zelttüre auf und staunte nicht schlecht über das Himmelszelt. Ich gab Tim Bescheid, dass er auch raus kommt um es zu bestaunen.
Man konnte so unfassbar viele Sterne sehen, dass ich nicht mehr in der Lage war Sternenbilder auszumachen. Die Milchstraße fanden wir auch nicht und überlegten ob man diese eventuell von unseren Breitengraden gar nicht mehr sehen kann. Ich versuchte anschließend, vom Gipfel aus ein paar Nachtaufnahmen mit meinem Handy zu machen.
Tim blieb am Zelt und kuschelte sich bald wieder in seinen Schlafsack. Jedoch so, dass er durch die offene Türe weiterhin den Sternenhimmel bestaunen konnte.
In den USA hatten wir ja auch immer wieder einen tollen Sternenhimmel, der kam mir damals jedoch viel bunter vor.
Nachdem ich auch eine Sternschnuppe gesehen hatte legte ich mich bald wieder hin, um Kraft für den nächsten Tag zu tanken.
Fertig gefrühstückt und mit zusammengepackten Zelten machen wir uns an den Abstieg. Dieser führt laut unserem Wanderführer entlang des Bergrückens. Wie des Öfteren gibt es hier keinen offiziellen Weg, beziehungsweise der offizielle Weg lautet: Laufe so, wie es für dich am Besten passt. Das kenne ich bisher aus den Alpen und von anderen Wanderungen eher im Gegenteil. In den Alpen ist die Doktrien, auf keinen Fall von den Wegen abzuweichen, um keine Vegetation zu zerstören, da sie so langsam wächst. Hier in den Highlands zerstört man die Vegetation, wenn immer die gleichen Wege genutzt werden. Durch die Feuchtigkeit, die im Boden gespeichert ist, wird ein Pfad, der zu stark belaufen ist, ganz schnell zu einem Morastigen Weg, bei dem der Boden mit jedem Tritt zehn oder mehr Zentimeter ins Wasser abtaucht. Indem es keinen offiziellen Weg gibt, verteilen sich die Wanderer über den gesamten Hang und sobald ein Pfad zu ausgetreten wird, nutzt ihn keiner mehr da er zu nass ist. Vorausgesetzt, es laufen so viele Wanderer den Weg, das sich überhaupt ein Pfad bilden kann.
Gestern beim Aufstieg gab es immer Mal wieder einen Pfad zu erahnen. Der Abstieg hat keinen Pfad.
Wir verpassen den durch unseren Wanderführer beschriebenen Bergrücken und stehen kurz darauf an einer Steilflanke des Berges. Uns wird es zu steil und wir gehen auf die Suche nach dem verpassten Bergrücken. Kurz darauf finden wir diesen und steigen den hügeligen Hang hinab ins Tal zu einem Stausee. Wir müssten auf die andere Seite des Staudammes, der am Eingang ein mit Stacheldraht versehenes Tor hat. Eine Tafel weist auf Zutrittsverbot und Videoüberwachung hin. Ein Nachschlagen in unserem Führer erläutert uns: „In my reading of it, the Scottish Access Code explicitly permits dam crossings.“ Davon bestärkt, klettern wir über die neben dem Tor befindliche Mauer, an der bereits verdächtig ein super als Leiter fungierender Stahlrahmen lehnt.
Auf dem Damm angekommen laufen wir sogleich einem Mitarbeiter der Anlage in die Arme. Dieser weißt uns jedoch nur nett darauf hin, wo eine Kamera hängt, die es am Besten zu vermeiden gilt und wünscht uns nach einem kurzen Plausch noch eine tolle Wanderung.
Auf der anderen Seite angekommen folgen wir dem nun erstaunlich engen Tal abwärts, welches mit vielen kleinen Wasserfällen gespickt ist. Die Sonne brennt mir auf den Kopf und mir ist eindeutig zu heiß. Es gibt nichtmal Schatten, in dem man sich Mal kurz ausruhen könnte. Irgendwann kommen wir dann auch in Kinlochleven an.
Einem kleinen Ort, der am Ende eines langen und schmalen Meerarmes liegt und durch das Wasserkraftwerk entstanden ist, welches über den Stausee von vorhin gespeist wird. Kinlochleven beherbergt zu unserem erstaunen auch das Nationale Eis-Kletter-Zentrum Groß-Britanniens.
Wir ruhen uns in Kinlochleven etwas aus und kaufen für die letzten beiden Tage des West Highland Ways Essen ein. Dabei treffen wir die beiden netten Damen von Tag 5, (wir erinnern uns an den Sprint wegen des vergessenen Handschuhs) und bringen uns kurz auf den aktuellen Stand der jeweiligen Urlaubspläne. Die beiden werden heute Nacht in einem Hostel hier schlafen. Das machen tatsächlich viele und die Abstände zwischen Siedlungen am West Highlands Way sind auch reizend dafür, mit leichten Gepäck zu laufen und in Hostels zu übernachten.
Auch auf den letzten beiden Tagen des West Highland Ways verlassen wir wieder die normale Route und werden einen Bogen durch ein anderes Tal laufen, was schönere Ausblicke, mehr Abgeschiedenheit und einen angenehmeren Weg verspricht.
Von Kinlochleven aus geht es, als wir gegen halb vier wieder aufbrechen, bergauf. Der vermeintlich kleine See, an den Kinlocheven grenzt stellt sich dabei als langer Meeresarm heraus. Das Wasser schlängelt sich zwischen Bergflanken bis fast zum Horizont. Die Sonne strahlt und reflektiert sich auf der Oberfläche. Ich habe das Gefühl, wir könnten hier auch gerade an skandinavischen Fjords stehen. Mit der Hoffnung, einen Zeltplatz mit Bick auf den Sonnenuntergang über dem See zu bekommen, steigen wir den den steilen Anstieg weiter empor.
Die Sonne scheint immernoch und wir suchen nach einem guten Platz für unsere Zelte. Mit Blick auf den „Fjord“ gibt es leider keine flachen Stellen, um uns breit zu machen. Entweder ist der Boden zu hubbelig oder sumpfig. Auf der anderen Seite des Bergsattels laufen wir auf Loch Eilde Mor zu. Der See erstreckt sich in einem langen Tal und wir finden neben einer kleinen Fischerhütte ein trockenes und flaches Plätzchen zum Aufschlagen des Nachtlagers. An die Hauswand lehnend schauen wir auf den See und versuchen uns an selbst kreierten Mac ’n‘ Cheese. Tim hatte 500g Nudeln und 300g geriebenen Cheddar gekauft. Ich war skeptisch ob das gut schmecken wird, aber zusammen mit etwas Pfeffer sind die Nudeln ratzfatz verputzt und ich kann nur sagen, es hat um einiges besser geschmeckt, als ich erwartet hatte. Ich würde sogar soweit gehen, es über dem Mac ’n‘ Cheese vom PCT einzuordnen.














